ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Wangechi Mutu im Deutsche Guggenheim
Then & Now: Abstrakte Kunst aus Lateinamerika in der 60 Wall Gallery
Beuys and Beyond in Buenos Aires: Sammlung Deutsche Bank im Dialog mit argentinischer Gegenwartskunst
Jubiläum in Luxemburg: Sammlung Deutsche Bank zeigt internationale Gegenwartskunst

drucken

weiterempfehlen
Then & Now
Abstrakte Kunst aus Lateinamerika in der 60 Wall Gallery


Nach ihrer Ausstellung mit Arbeiten von Imi Knoebel aus der Sammlung Deutsche Bank widmet sich die New Yorker 60 Wall Gallery jetzt einem weiteren Bereich der ungegenständlichen Kunst. "Then & Now" dokumentiert die immense Bedeutung abstrakter Strömungen für die Entwicklung der Kunst Lateinamerikas von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart.


Ein schwarzes Rechteck, in das sich von oben und unten zwei grüne Dreiecke hineinbohren – eine dynamische Komposition, einfach und klar wie ein Verkehrsschild oder eine Flagge. Carmen Herreras 1978 entstandenes Gemälde Wednesday veranschaulicht Mies van der Rohes Diktum Less is more auf geradezu perfekte Weise. Und macht gleichzeitig klar, warum die 94-Jährige Kubanerin von der New York Times vor kurzem als "hot new thing in painting" bezeichnet wurde. Die studierte Architektin, die seit langem in New York lebt, orientiert sich an der europäischen Moderne, an Bauhaus und De Stijl. Lange Zeit vom Kunstmarkt völlig unbeachtet, entwickelte sie in den 1950er und 1960er Jahren ihre kühle, reduzierte Formensprache, die sie bis heute immer weiter verfeinert.

Carmen Herrera gehört zu den dreißig Künstlern, die Gastkuratorin Mónica Espinel für ihre Ausstellung in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York ausgewählt hat. Then & Now: Abstraction in Latin American Art from 1950 to Present veranschaulicht, wie die unterschiedlichen non-figurativen Strömungen die Kunst Lateinamerikas bis heute prägen. "Lange galten Geometrische Abstraktion, Op Art oder Kinetische Kunst als wenig aufregend und inhaltlich eher unverbindlich. Deren Vertreter arbeiteten zwar mit einer der radikalsten Formensprachen des 20. Jahrhundert, wurden aber trotzdem von Sammlern, Kuratoren und Kritikern kaum beachtet", erklärt Espinel. "In den neunziger Jahren ging es in der Kunst vielfach um Fragen der Identität, was ebenfalls dazu führte, dass das Erbe dieser Künstler auf wenig Interesse stieß. Im Augenblick suchen allerdings viele junge Künstler verstärkt nach Alternativen zu einer "ichbezogenen" Kunst. Deshalb beziehen sie sich auf frühere Positionen, die sich erfolgreich mit dieser Problematik auseinandergesetzt haben. In der Abstraktion, so wie sie von diesen Künstlern verstanden wurde, geht es um Freiheit und Möglichkeiten. Gerade heute sind diese Themen für die jüngeren Künstler der Ausstellung sehr wichtig."

Bereits seit den frühen 1950er Jahren entwickelten sich besonders in Argentinien, Brasilien und Venezuela ganz eigene Formen ungegenständlicher Kunst – vor allem in der Auseinandersetzung mit der Konkreten Kunst. Deren wichtigster Vertreter, der Schweitzer Max Bill, hatte 1950 eine viel beachtete Ausstellung im Museu de Arte de São Paulo und wurde ein Jahr später auf der ersten São Paulo Biennale mit einem Grossen Preis ausgezeichnet. Brasilien und Venezuela erlebten in dieser Dekade einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Besonders die neue Hauptstadt Brasilia mit ihrer modernistischen Architektur wird zum Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit. In Then & Now wird die brasilianische Arte Concreta von Judith Lauand vertreten, deren häufig geometrischen Kompositionen seit 1955 auf mehreren São Paulo-Biennalen zu sehen waren. María Freire und Antonio Llorens repräsentieren dagegen die uruguayischen Künstler im Umkreis des 1952 gegründeten Grupo de Arte No Figurativo. Häufig verzichteten die Mitglieder dieser Gruppe bei ihren Gemälden auf die konventionelle Rechteckigform. Stattdessen spiegelt sich die Dynamik und Asymmetrie ihrer Motive auch in den Einschnitten, Rundungen und Auswölbungen ihrer Leinwände und Rahmen.

"Von der Universalität des International Style der modernistischen Architektur bis zu der "internationalen" Idee des Konstruktivismus oder den interkulturellen Bezügen bei Künstlern wie Pollock oder Marden – Abstraktion wurde immer mit Internationalität in Verbindung gebracht", so Espinel. "In Lateinamerika galt Abstraktion als utopische, fortschrittliche Idee und als oppositionelle Stimme gegen den politischen und kulturellen Mainstream. Abstraktion wurde als Sprache begriffen, die nationale Grenzen überwindet, aber zugleich auch neue kulturelle Grenzen markiert. Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede in den einzelnen Ländern entwickelt haben: in Venezuela ging es vor allem um optische Phänomene und kinetische Kunst, in Brasilien um den Körper, in Argentinien um phänomenologische und kinetische Ansätze. Mit der Kultur der Anden-Region setzte man sich in Kolumbien und Uruguay auseinander, während konzeptuelle Ansätze vor allem in Venezuela und Argentinien zu finden sind."

Im Laufe der 1960er Jahre wird die abstrakte Formensprache zunehmend politisch aufgeladen – auch als Reaktion auf die restriktive Politik der Militärdiktaturen. Zudem beginnen die Künstler mit neuen Materialien zu arbeiten – Stoff, Plastik, Plexiglas, Erde. Themen wie die aktive Beteiligung des Publikums an den Werken gewinnen für die "neo-konkreten" Künstler in Brasilien zunehmend an Bedeutung. Auch deshalb stoßen Positionen wie Lygia Clark und Hélio Oiticica gerade auf verstärktes internationales Interesse. Dies trifft auch auf Mira Schendel zu, die bei Then & Now vertreten ist und deren hermetischen Arbeiten 2009 im New Yorker MoMA vorgestellt wurden – in einer Doppelausstellung mit Werken von Léon Ferrari. Schendel und Ferrari verbindet das Interesse an der Sprache – an Wörtern, Kalligraphie, dem Akt des Schreibens. Ferraris gestische Komposition, die in der 60 Wall Gallery gezeigt wird, ist eine Hommage an Jackson Pollock. Ferrari hat sich aber nicht nur mit der Kunstgeschichte auseinandergesetzt. Seine Arbeiten entstanden in Opposition zur argentinischen Diktatur. Auch Alejandro Oteros Collage aus rosa und blau eingefärbten Zeitungsseiten Hoy en TV (1965) verbindet formale Reduktion mit Anspielungen auf damals aktuelle politische Ereignisse wie den Vietnamkrieg.

Gegenwartskünstler wie Arturo Herrera führen die Collagetechniken weiter und verbinden sie ebenfalls mit einer abstrakten Formensprache. Der Venezuelaner greift die Bilder der globalen Populärkultur auf und verwendet Bilder aus Comics, Kinderbüchern oder Magazinen, um sie dann zu übermalen. Fast meditativ wirken dagegen die in blassen Tönen gehaltenen Gemälde Alejandro Corujeiras. Beeinflusst von Agnes Martin und Brice Marden überlagern sich fast transparente, monochrome Farbflächen und organisch wirkende Linien oder Formen, die an Zellen oder Blutkörperchen denken lassen. Einer der jüngsten Teilnehmer der Schau ist William Cordova. Die Papierarbeiten, Skulpturen und Installationen des 1971 geborenen Peruaners sind geprägt von seiner transkulturellen Biografie: Cordova pendelt zwischen Lima, Miami und New York und thematisiert gleichermaßen Hip Hop wie peruanischer Kultur, die Klassische Moderne wie radikale politische Bewegungen, etwa die Black Panthers.

Then & Now stellt die abstrakten Strömungen Lateinamerikas in ihrer ganzen Bandbreite vor – und wendet sich zugleich gegen noch immer weit verbreitete Klischees in Bezug auf die Kunst dieser Region. Jenseits von Frida Kahlo oder Fernando Botero zeigt die Ausstellung, dass im Spannungsfeld zwischen der internationalen Sprache einer ungegenständlichen Moderne und den unterschiedlichen regionalen Einflüssen in Lateinamerika eine Vielzahl von ganz eigenständigen Arbeiten entstanden ist – und ein formales Vokabular, das von jungen Gegenwartskünstlern beständig weiterentwickelt wird.
Achim Drucks

Then & Now: Abstraction in Latin American Art from 1950 to Present
60 Wall Gallery, Deutsche Bank
24. Mai – 3. September, 2010




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

Feature
Wangechi Mutus Installation im Deutsche Guggenheim / Zwischen Schönheit und Schrecken: Wangechi Mutu / Samuel Fossos Selbstporträts / Multiple Identitäten: Ein Interview mit Jürgen Klauke / Paulina Olowska: Herausfinden, worum es wirklich geht / Ivan Navarros aufgeladener Minimalismus / Uwe Lausen: Tatort Wohnzimmer / Zwischen Aufbruch und Rückbesinnung: Whitney Biennale 2010
News
Nachruf Sigmar Polke / Kunst privat! / Alberto Tadiellos Projekt für die Art Basel / Nachruf Louise Bourgeois / Penelope Umbrico neuer Deutsche Bank NYFA Fellow / Julie Mehretu im New Yorker Guggenheim Museum / Deutsche Bank Stiftung fördert Talk-Reihe im MMK / Olafur Eliasson in Berlin / Deutsche Bank Art Bus in Singapore ausgezeichnet
Presse
Künstlerin des Jahres: Die Presse zur Auszeichnung von Wangechi Mutu / Die Presse zur Whitney Biennale 2010 / Die Presse über Utopia Matters im Deutsche Guggenheim
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit  |  Datenschutz  |  Cookie Notice
Copyright © 2016 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++