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Die nackte Wahrheit:
Boris Mikhailovs inszenierter Realismus



Die Zeiten von Übertreibung, Beschönigung und irrealen Versprechungen sind vorbei. Angesichts der globalen ökonomischen Krise wächst das Bedürfnis nach Wahrheit. Die Welt ungeschönt zeigen, so wie sie wirklich ist: das hat der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov seit den sechziger Jahren getan. In seinen Aufnahmen des zerfallenden Sowjetreichs portraitierte er die Verlierer des Umbruchs – und erlangte damit weltweite Anerkennung. Auch in der Sammlung Deutsche Bank ist er mit zahlreichen Arbeiten vertreten. Brigitte Werneburg hat Mikhailov in Berlin zum Gespräch getroffen und festgestellt, dass man auch mit Inszenierungen der Realität ganz nah kommen kann.




Boris Mikhailov zeigt die Menschen nackt. Selbst wenn er das schon immer nackte Gesicht fokussiert. Wie bei den rund 500 Laiendarstellern aus Braunschweig, die als Sprecher-Chor in Claudia Bosses Theaterformen-Produktion Die Perser auftraten. Zusammen mit dem Fotografen Sascha Weidner begleitete Boris Mikhailov im letzten Sommer das Projekt. "Im Moment", sagt er, "bereite ich die Serie als Buchpublikation beim Steidl Verlag vor."

Boris Mikhailov zeigt die Menschen nackt, doch er stellt sie nicht bloß. Obwohl die Grenze haarfein ist wie auch bei den Aufnahmen von den Braunschweiger Chormitgliedern, die Mikhailov ausschließlich im Profil fotografiert hat. Ihr Kinn ist mal zu kurz und mal zu lang, bestimmt aber immer genauso wenig richtig proportioniert wie die Nase, die beim einen schief steht, beim anderen zu flach ist und bei der dritten allzu mächtig aufragt.

Boris Mikhailov spielt mit diesem Konzept über Bande. Denn anders als in der visuellen Darstellung des Menschen in den Massenmedien, in der die Darstellung im Profil heutzutage nur eine marginale Rolle spielt, kommt dem Profil eines Menschen in der gesellschaftlichen Kommunikation tatsächlich eine zentrale Rolle zu. Nicht umsonst spricht man von einem "Profil", wenn man sich bewirbt, im Internet darstellt, oder über die Aktivitäten eines Unternehmens spricht. Das weiß Mikhailov. Und auch, dass er gleich zweifach irritiert – sowohl visuell als auch politisch. Denn in seiner Serie zeigt er so etwas wie die Rohform, aus der die charakterlichen und körperlichen Tugendprofile in unserer heutigen, durchökonomisierten Welt geschmiedet werden. Und dieses rohe Material bietet ein ganz anderes Bild als die idealisierten und geschönten Formen, die uns im wahrsten Sinne des Wortes verkauft werden.

Boris Mikhailov lässt eben auch den Kaiser in seinen neuen Kleidern nackt dastehen. Mit seinem Konzept hält er einer wettbewerbsorientierten Welt den Spiegel vor. Er entlarvt ihr Profil als reines Marketingprodukt, als exakt nach ökonomischen Vorgaben hingedrehtes, geschöntes und standardisiertes Bild – als letztlich absolut profilloses Profil.

Kein Wunder, dass eine aktuell Maxime der Kommunikationsanforderung "Get real!" lautet. Ja, wir entkommen der Welt nicht mehr, die wir mit einem Geschäftssinn geprägt haben, von dem wir heute wissen, dass er unsere Geschäfte ruinieren musste, so phantastisch, märchenhaft und damit betrügerisch er argumentiert. Und nun, wo wir diesen Geschäftsgeist nicht mehr loswerden, hätten wir es gerne solider, plausibler – realer, das heißt sachdienlicher. Doch wie soll eine Gesellschaft, deren Wachstumspotential nur noch im Wettbewerb um immaterielle Ressourcen zu erkennen ist, in der es ausschließlich um Interpretationshegemonien und um die Codierung von Symbolsystemen geht, nicht realitätsfremd werden? Hallo! Get real! Zeig Profil!

So wie es Boris Mikhailovs Braunschweiger Bürger taten. Dabei entstammt ihr Porträt einer theatralischen, durchweg inszenierten Wirklichkeit. Was aber macht dann das ebenso unpersönlich-stereotype wie gleichzeitig absolut individuelle Bild, das Mikhailov von jedem Laiendarstellers gewann, so wirklich, so real? Warum erkennen wir auf den Bildern Persönlichkeiten statt Komparsen eines Konzeptkunstwerks?

Real ist, so möchte man sagen, die Art und Weise in der sich Boris Mikhailov der Aufgabe stellte, sich künstlerisch, gesellschaftspolitisch und persönlich mit dieser umfangreichen Gruppe ganz unterschiedlicher Leute ins Verhältnis setzen zu müssen. Real ist, wie er die Herausforderung annahm, künstlerisch das Porträt der vielgestaltigen Einheit der Gruppe zu entwickeln, in dem der Einzelne nicht Statist, sondern Protagonist ist. Freilich nicht als Solitär, sondern gewissermaßen als "Solidär", als solidarisches Mitglied des Ensembles und des ganzen Theater- und Kunstprojekts. Real ist, dass Boris Mikhailov um die Zumutung des Fotoshootings wusste und daher gleich noch eine Serie aufnahm, in der er sich über sich selbst und die künstliche Situation, die er schuf, lustig macht. Dann sieht man, wie sich Sascha Weidner als sein alter ego beim Fotografien in nicht weniger seltsamen Verrenkungen windet als die Chormitglieder beim Fotografiertwerden. Real ist die zweckdienliche, sachliche Haltung, die sämtliche Inszenierungen Mikhailovs, seiner abgründigen Spielchen und seiner ebenso phantastischen wie irreführenden Montagen bestimmt.

Denn es ist nicht so, dass Mikhailov ein Realist oder Dokumentarist wäre, der wie etwa der Berliner Fotograf Michael Schmidt sagen könnte, er ordne sich den von ihm fotografierten Motiven völlig unter. Denn nur durch die Selbstdarstellung der Dinge sei ihr Sinn und Zweck zu erkennen. Für Boris Mikhailov ist der Sinn und Zweck der Dinge wie er sagt, "erst dann zu erkennen, wenn das Bild als ein ästhetisches und mediales Konstrukt kenntlich wird." Ob es um die Wirklichkeit seiner ukrainischen Heimatstadt Charkow mit ihren Obdachlosen nach dem Untergang der Sowjetunion geht oder um die Genossen und Genossinnen, die sich zu Sowjetzeiten in den öffentlichen Anlagen der Stadt zum fröhlichen Tanz trafen: Boris Mikhailov interessieren die Welt und ihre Bewohner in ihrer Selbststilisierung. Die Menschen, die er aufnimmt, sagt er, "sind sich dessen bewusst, sie posieren für mich." Und wenn sie sich nicht für ihn inszenieren, dann wenigstens für jemand anderen. Eigentlich sind sie fast immer Schauspieler, besser, Laiendarsteller wie jetzt die Bürger von Braunschweig.

Betrachtet man etwa die Bilder der jetzt zehn Jahre zurückliegenden Serie Case History (1997-1999), die zeigen, was übriggeblieben ist vom "Neuen Menschen der Neuen Gesellschaft" des revolutionären Sozialismus, dann darf man sich über den dokumentarischen Charakter von Boris Mikhailovs Farbfotografien nicht täuschen. Das Dokument erwächst aus dem Konzept, der Schnappschuss ist der Pose gedankt und das Herzeigen einer erbärmlichen Existenz dem vom Fotografen angebotenen Geld. Dafür hat sich der vom großen Experiment geschwächte Homo sovieticus der postkommunistischen Ära, der obdachlose Säufer, in aller Öffentlichkeit entkleidet. Das Profil der Mikhailovschen Menschen ist keineswegs ein ursprüngliches oder unverfälschtes – und trotzdem käme niemand auf die Idee, diesen Leuten zuzurufen, "Get real".

Trotz oder gerade in ihrer Inszenierung und Selbstinszenierung gewinnen sie eine prekäre Würde, sind sie Menschen aus Fleisch und Blut. Denn wird anderswo alles Unliebsame weginszeniert, wird es bei Mikhailov geradezu herbeiinszeniert. Man denke nur an die hässliche Wunde am Arm einer ukrainischen Frau, die erst vor dem gut ausgeleuchteten Hintergrund samt Blumenarrangement so richtig zur Wirkung kommt. Sie stammt von der Messerattacke ihres Freundes wie eine beigefügten Notiz besagt, auf der es heißt "wenn er sie schlägt, dann liebt er sie."

Das heißt nun nicht, es sei nur das realistisch und wirklich, was aus der Norm fällt, was schockiert und irritiert, was hässlich und daneben ist. Es heißt vielmehr, dass sofort unglaubwürdig und unrealistisch wirkt, was sich immer nur angenehm, der Norm entsprechend und dabei noch von spezifischer Attraktivität zeigt. Boris Mikhailov spielt eben über Bande.

Das bedingt schon seine künstlerische Sozialisation, die sich zu Zeiten des real existierenden Sozialismus vollzog. Wer wüsste schon besser über das Phänomen einer unentrinnbar wirklichen Unwirklichkeit des Lebens Bescheid, wenn nicht die Künstler dieser Generation? Zwangsläufig setzte sich hier jedes spezifisch erfasste Szenario in Widerspruch zum allgemeinen Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Kein Wunder also, dass der 1938 geborene Künstler just das spezifische Szenario zum konzeptuellen Zentrum seines fotografischen Werkes macht.

Das gilt etwa für die zwischen 1968 und 1975 entstandene Rote Serie mit ihren Bildern aus einer von Fahnen, organisierten politischen Demonstrationen, Leninporträts und Orden dominierten Welt, in der das private Rot eines Kleids oder einer Tischplatte schon ironisch wirkt – geradezu als ob es sich über das offiziöse Rot mokierte. Das gilt noch mehr für die zur gleichen Zeit aufgenommene Private Serie mit Bildern von Intimität, Nacktheit und dem privaten, nicht der offiziellen heroischen Norm genügenden Körper, der ein gleichsam verpöntes, ganz persönliches Vergnügtsein impliziert. Wenn dann beides durchaus öffentlich – aber doch gewissermaßen unter der Hand – zusammenkommt wie bei der Serie der Badenden Am Salzsee (1986) aus der Sammlung Deutsche Bank, braucht es keine wirkliche Nacktheit. Dann reicht das kollektive sommerliche Vergnügen für die angemessen unangemessenen Bilder. Hier findet sich eine so konkret festgehaltene Situation, dass in ihr zwangsläufig die unentrinnbar wirkliche Unwirklichkeit des real existierenden Sozialismus boykottiert wird.

In anderen Fällen aber setzt Mikhailov auch Verfremdungstechniken ein. In seiner Serie Superimpositions from the 60s/70s (2005/06) aus der Sammlung Deutsche Bank überlagern sich prototypische Bilder der sowjetischen Kultur mit persönlichen Momentaufnahmen. Oder er koloriert und montiert Fundstücke mit abgetippten und ausgeschnittenen Texten von heiterer Tonart, die trotzdem nicht so recht fröhlich stimmen. Und er inszeniert. Das hatte er ja mit der Muttermilch gelernt, dass die Wirklichkeit ein politisch codiertes Medienkonstrukt mit vorgefertigter Ästhetik und Symbolik ist. Gegen diese Inszenierung des Alltags von oben, die gegenüber dem Einzelnen absolut rücksichtslos verfährt, inszeniert Boris Mikhailov den Alltag von unten, mit Respekt gegenüber dem Einzelnen, gerade dort, wo es schwer fällt ihn zu erweisen.

Boris Mikhailov zeigt die Menschen nackt. Seine Fotografien handeln von der Materialität des Sozialen, dem Schnaps, der Haut, dem Alter und den Schulden. "Sie geben nicht einfach nur das Bild an der Oberfläche wieder", wie er selbst im Gespräch betont. Sie handeln von dem Menschen, der, wie uns Mikhailov in seinen Bildern glücklicherweise zeigen kann, eben mit Haut und Haar dabei ist, wenn er Theater spielt.

Von dieser Materialität des Sozialen weiß aber auch eine westlich-kapitalistische Gesellschaft nichts mehr, die alle Bodenhaftung aufgegeben hat und sich stolz als flexibel charakterisiert. Das war wohl die größte Überraschung, die ihm widerfuhr als er in den Westen übersiedelte. Dass man auch hier glaubte, die Forderungen der Alltagswirklichkeit ließen sich ewig vertagen. Doch Gesellschaft ist mehr als nur ein Spiel von Erwartungen und Erwartungserwartungen. Deshalb muss man sich genau umschauen wie Boris Mikhailov sagt. "Das habe ich meinen Studenten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig als meine große Lehre an Herz gelegt."

Dass Boris Mikhailov die Welt nicht nur nackt zeigt, sondern gelegentlich auch bloßstellt, liegt daran, dass wir uns hin und wieder gewahr werden müssen wie lächerlich wir uns machen, wenn wir behaupten, die Dinge, auf die es wirklich ankommt, würden nicht mehr zählen.






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