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Zwischen Mythos und Realität
Victor Mans existenzielle Malerei


Victor Man entführt den Betrachter in einen geheimnisvollen malerischen Kosmos, der zugleich unsere heutige Conditio humana reflektiert. Sebastian Preuss über den „Künstler des Jahres“ 2014.


Es geht ums Ganze bei Victor Man. Er führt uns in seinen Bildern zu den Abgründen des Daseins, er spiegelt unsere Träume wider, unsere Albträume, unsere Sehnsucht, Verzweiflung, Begierde und Aggression. Es ist ein rätselhafter, düsterer, aber auf merkwürdige Weise immer auch verführerischer Kosmos. Maskenhafte Gesichter, androgyne Figuren zwischen Leben und Tod, Mysterienspiele in Wolfskostümen, magische Gegenstände wie Tierhörner, Kristallsterne, Kreuze oder einfach nur ein silbrig schimmerndes Astgestrüpp: Wenn diese Szenarien surreal oder auch improvisiert erscheinen mögen, bleibt hier nichts dem Zufall überlassen. Im Gegenteil, alles ist an seinem festen Platz. Victor Man zitiert Altmeistergemälde und benennt sie im Titel seiner Bilder. Und auch wenn die vollständig in Latex gepresste Figur von irgendeiner Fetisch-Website stammen könnte, denkt man unweigerlich an die legendären Kostümierungen des Performancekünstlers Leigh Bowery.

Victor Man bietet nichts weniger als einen gemalten Existenzialismus, freilich einen nach eigenen Regeln, die man allenfalls erahnen, aber nie völlig ergründen wird. Hilfe, seine entrückte Welt zu verstehen, ist in seinen Bildern nicht zu finden. Ein Tierkopf schwebt schemenhaft im Raum, eine Hand berührt die Beine einer Frau, von der wir nicht mehr sehen als den Unterleib. Ein androgyner Hamlet hält uns einen miniaturisierten Schädel entgegen, darüber die Worte: Titanik Bar.


Victor Man: „Künstler des Jahres“ 2014
Es ist die bislang umfangreichste Präsentation seiner Werke: Als „Künstler des Jahres“ 2014 gibt Victor Man mit der Ausstellung Zephir in der Deutsche Bank KunstHalle einen Überblick über sein Schaffen. Zudem werden neue Gemälde sowie eine eigens für die Schau entstandene Glasarbeit präsentiert. Mit der Auszeichnung „Künstler des Jahres“ ehrt die Deutsche Bank aktuelle Künstler, die bereits ein substanzielles Werk geschaffen haben und neue Wege beschreiten.


Zuweilen betont Man die Objekthaftigkeit seiner Bilder, indem er sie mit Tierfellen unterlegt oder mit sparsam verteilten Gegenständen zu einer Rauminstallation verbindet: hier eine Kette, dort ein Drahtgeflecht, eine Stuhl-Assemblage oder eine aufgeständerte Statuette. Das fügt zusätzliche Bedeutungsschichten hinzu, aber die Man’sche Semiotik wird dadurch nur noch vertrackter und weniger lösbar. Immer wieder fragt man sich: Wie geht das alles zusammen?

Mit dem bloßen Beschreiben strandet man hier schnell, es erfasst nicht die Qualitäten dieser enigmatischen Bilderwelt. Victor Man spricht nicht gern über sein Werk, er will nicht fotografiert werden und gibt kaum Interviews. Er sieht auch keine Veranlassung, die rätselhaften Figuren und Requisiten in seinen Gemälden und Installationen zu erklären. Außer einigen Andeutungen in den Titeln bekommen wir keine Hinweise. So sind wir auf uns selbst gestellt. Wir müssen schauen, uns einlassen auf eine entrückte Welt voller Irrationalitäten und Andeutungen, auf einen Kosmos, in dem viel Geschichte und Gelehrsamkeit steckt, der sich aber jeder klaren scholastischen Deutung entzieht. Victor Man setzt uns Grenzen. Eine Botschaft dieser Malerei ist allerdings ganz eindeutig: Nichts ist so, wie es scheint.

Vielleicht nähert man sich Victor Mans Kunst zunächst lieber von der ästhetischen Seite. Man kann sich – auch jenseits aller rätselhaften Gedankenspiele – dem Erlebnis meisterlicher Malerei hingeben. Virtuos spielt Man mit den Farbvaleurs, moduliert fahle Gesichter, präpariert weiß gehöhte Haut, bis sie wie Stein unter Raureif aussieht. Mühelos beherrscht er das Schwarz-in-Schwarz wie den eisgrauen Nebel, die Verwitterung der Oberfläche wie die feinmalerische Akribie. Kein Zweifel, die Peinture – die Malerei an sich – ist ein zentrales Thema. Lustvoll spielt er seine Möglichkeiten aus. Er lässt Blusen knittern, als wolle er mit den Barockmalern wetteifern, er verschattet Gesichter und baut gespenstische Farbschleier wie die besten Symbolisten, er lässt SM-Lack-Kostüme aufblitzen oder stellt mit haarfeinem Pinsel jede Faser einer Blume dar.

Mans Markenzeichen ist vor allem die Düsternis, in die er die meisten seiner Bilder taucht. Dadurch wirken sie, als hätten sie einen jahrhundertelangen Dämmerschlaf in Archiven, Odysseen durch den Kerzenrauch von Kapellen oder die Zigarettenwolken schummriger Spelunken hinter sich. Er malt die Patina nicht nur, er thematisiert sie. Die Geschichte ist immer präsent: ganz konkret in Bildzitaten von Sassettas Antoniusmarter bis zu einer Jupiter-Statuette aus André Malraux’ Musée Imaginaire. Natürlich denkt man an die Traumvisionen der Surrealisten, nicht zuletzt an die puppenartigen Mädchen und Frauen von Balthus, deren starre Gesichter zuweilen fast zitathaft bei Man wiederkehren. Es gibt aber auch literarische Andeutungen, etwa auf Shakespeares Hamlet oder den Stephen Dedalus aus James Joyces Romanen Ein Porträt des Künstlers als junger Mann und Ulysses.

„Seine Annäherung an die Geschichte ist vollkommen bewusst, aber total frei“, erklärt der Kurator Alessandro Rabottini, der mit dem Künstler Ausstellungen in Bergamo und Rom realisierte. „Er geht sehr intim mit der Geschichte der Malerei um, erschöpft sich aber nicht im postmodernen Zitieren von Begriffen und Motiven.“ Auch Rodica Seward, Besitzerin des Pariser Auktionshauses Tajan und eine der engagiertesten Sammlerinnen Mans, sieht gerade in seinem Umgang mit der Vergangenheit eine herausragende Qualität: „Es ist eine perfekte Durchdringung von Klassischem und Gegenwärtigem. Seine Bilder geben mir ein Gefühl des Zeitlosen, der Überzeitlichkeit, dabei bleiben wir aber immer im Heute.“

Victor Man reizt sein Verfahren der Aneignung voll aus, findet dabei aber immer genau den feinen Grat zwischen Abbild und Stimmung, zwischen Mythos und Realität, Klischee und Magie. Es ist spürbar, wie präzise und wohl auch zögerlich er seine Zitate, Motivfetzen und stilistischen Anleihen aufgreift; nicht umsonst verdichtet er seine Zutaten meist in kleinen Formaten, anstatt wie so viele zeitgenössische Maler sein Heil in der großen Geste zu suchen. „Er geht mit größtmöglicher Sparsamkeit der Mittel vor. Nichts ist nutzlos bei ihm, es ist fast minimalistisch“, schwärmt Rodica Seward. Nichts liegt Man ferner als Bilderrätsel, die sich (wie etwa bei barocken Allegorien oder surrealistischen Traumvisionen) Schicht für Schicht enthüllen lassen. Wir müssen seine Ikonografien nicht aufschlüsseln, aber wir sollen bereit sein, uns von der geheimnisvollen, ebenso sexuell wie intellektuell aufgeladenen Atmosphäre zumindest ein Stück weit mittragen zu lassen.

Mans Malerei ist heute in der ganzen Kunstwelt begehrt. Der Rumäne, 1974 im siebenbürgischen Cluj (Klausenburg) geboren, kann auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken, die 2005 in seiner Heimatstadt, fernab der Kunstzentren, begann. Mit einer Einzelausstellung Mans eröffneten die Künstler Mihai Pop und Adrian Ghenie damals die Galeria Plan B, die als Produzentenschauraum und Kunstzentrum rasch bekannt wurde und der entlegenen Stadt im transsilvanischen Bergland zu einer lebendigen, bald international vernetzten Szene verhalf. Schon zwei Jahre später, 2007, bespielten die Plan-B-Künstler den rumänischen Biennale-Pavillon in Venedig. Von da an häuften sich die Auftritte in renommierten Kunsthallen und Galerien zwischen Berlin und Los Angeles.

Die Deutsche Bank und ihr Beratergremium – Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann, Victoria Noorthoorn – haben mit Victor Man eine höchst eigenwillige, ja zuweilen fast abweisende Position zum „Künstler des Jahres“ gewählt. Die Entscheidung ist auch ein Bekenntnis zum Prinzip des Unklaren, Diffusen, der Andeutung und Entrückung, wie es derzeit so viele Künstler praktizieren. Das ist auffällig in Zeiten, in denen sich eine chaotisch-krisenhafte Welt eigentlich nach klaren Botschaften sehnt. Hier verweigert sich die Kunst. Sie will die Welt nicht erklären oder zweifelhafte Hilfe leisten, allenfalls Fragen stellen oder Stimmungen wiedergeben. „Die Kunst wird zum individuellen Ort des Widerstands“, so bezieht Alessandro Rabottini diese Methode auf Mans Werk. „Dazu können auch durchaus obskure Bedeutungen gehören. Am Ende geht es darum, die äußerste Freiheit zu bewahren.“

Mit seiner malerisch so virtuos erzeugten Düsternis spricht Man Stimmungen an, die durchaus mit dem Zustand unserer heutigen Welt kommunizieren. Sein Personal und die Bildrequisiten werden zu Trägern dieser inneren Zustände, die dann jeder Betrachter auf seine eigene Weise auf sich wirken lassen kann. Ganz ähnlich haben es die Symbolisten des Fin de Siècle um 1900 gemacht, in besonders radikaler und enigmatischer Form etwa Eugène Carrière und Odilon Redon. Es war eine ähnlich vibrierende Zeit, voll von wildgewordenem Fortschrittsdrang; die große Katastrophe sollte folgen. Auch hier zieht Victor Man keine direkten Linien. Seine Bilder sind voller historischer Erinnerungen und zugleich unmissverständlich in der völlig gegenwärtigen Sphäre einer konzeptuellen Malerei angesiedelt. Nur einer der Widersprüche, die Victor Mans Kunst so aufregend machen.


Dr. Sebastian Preuss ist Experte für Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart und lebt in Berlin. Seit 2012 ist er stellvertretender Chefredakteur der Weltkunst.




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