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Tomoka Yoneda:
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit


In Japan gilt sie als eine der einflussreichsten Fotografinnen ihrer Generation. In Europe wird Tomoko Yoneda gerade erst entdeckt. Poetisch und analytisch zugleich, bannt sie in ihren auratischen Bildern Orte, an denen sie den kaum mehr wahrnehmbaren Spuren historischer Ereignisse folgt. Zurzeit präsentiert das Hara Museum in Tokio eine umfassende Werkschau, die von der Deutschen Bank gefördert wird. Helen Sumpter besuchte die Fotografin in ihrer Wahlheimat London.




Tomoko Yoneda begrüßt mich an der Tür ihres Hauses an der Columbia Road im Stadtviertel East London, unweit des bekannten Wochenmarkts. Sie hält zwei ebenso freundliche wie neugierige braune Perserkatzen im Arm, die auf die Namen Lucky und Leon hören. Letztere wurde nach Leo Trotzki benannt. "Wir hatten noch eine dritte Katze, die Godot hieß", erklärt die Fotografin, "aber sie ist weggelaufen." Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass Yoneda noch immer auf sie wartet, was zwar bedauerlich ist, aber auf bestimmte Weise zum Namen der Katze passt. Eine ähnliche Melancholie, gewissermaßen eine Form selbstverordneter Sehnsucht, findet sich auch in den Arbeiten der japanischen Künstlerin. Nur sind es die großen weltgeschichtlichen Ereignisse und die überlebensgroßen Persönlichkeiten aus den kulturellen und politischen Sphären des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Nachhall hier zu spüren ist.

Das Hara Museum of Contemporary Art in Tokio präsentiert zurzeit eine umfassende Retrospektive von Yoneads Werk. An End is a Beginning zeigt Bilder aus den letzten zwölf Jahren, für die die Fotografin durch Ost- und Westeuropa, durch China und Japan gereist ist, um Orte einzufangen, die von den Zeichen vergangener Ereignisse geprägt sind. Einige dieser Spuren sind sichtbar, andere sind psychologischer Natur. Auf den ersten Blick etwa erkennt man auf der Farbfotografie aus der Serie Scene von 2002 nichts weiter als Familien, die sich an einem Sandstrand entspannen. Doch der Eindruck, dass man es mit einem gewöhnlichen Urlaubsfoto zu tun hat, vergeht, sobald man den Titel der Fotografie liest. Er besagt, dass es sich bei diesem Strand in der Normandie um den Ort handelt, an dem die alliierten Truppen im Juni 1944 gelandet sind und damit den Zweiten Weltkrieg entschieden haben. Ein ähnlicher Effekt setzt beim Betrachter ein, wenn er entdeckt, dass der pittoreske Blick auf eine von Bergen umgebene Stadt die Perspektive eines Scharfschützen im Kosovo-Krieg widerspiegelt und dass es sich bei der Stadt um Sarajewo handelt.

In der Reihe Between Visible and Invisible führt Tomoko Yoneda den Gedanken, dass man die Geschichte auch mit anderen Augen sehen kann, noch weiter und nimmt ihn sogar buchstäblich. Für die Serie hat die Künstlerin historische Bilder und Texte zusammen mit den Brillen einiger der größten Autoren und Denker des zwanzigsten Jahrhunderts fotografiert. Durch die Brillengläser des Psychoanalytikers Sigmund Freud hindurch kann man etwa einen Text seines Rivalen C. G. Jung erkennen. Eine handgeschriebene Notiz, die Mahatma Gandhi kurz vor seinem Tod verfasst hat, wird durch dessen Nickelbrille vergrößert. Als Schlaglichter auf Fragmente der Zeitgeschichte geraten Teile dieser Texte so in den Fokus, während die übrigen Buchstaben verschwimmen und sozusagen im Hintergrund der Geschichte zurückbleiben. Während das Konzept der Serie einfach wirkt, bestechen die Bilder durch die Komplexität der von ihnen provozierten Eindrücke. Als Betrachter schauen wir auf ein Bild in der Gegenwart, in Szene gesetzt durch das Auge der Künstlerin und ihre Kamera. Die Brillengläser historischer Figuren werden zu Linsen, die den Blick auf Dokumente ermöglichen, die ihrerseits aus der Vergangenheit eben dieser Personen stammen.

Auffällig ist, dass Tomoko Yoneda in all ihren Arbeiten einen Schwerpunkt auf Recherche und Nachforschung setzt. "Als ich aufwuchs, dachte ich immer, dass ich eines Tages Journalistin werden würde", erzählt sie, "aber mein Vater war ein Amateurfotograf. Und obwohl ich anfangs das Gefühl hatte, dass die Fotografie als Medium zu technisch für mich sei, fiel mir nach und nach auf, dass ich genauso viel mit Bildern ausdrücken konnte wie mit Worten." Auch Yonedas private Beziehung zur jüngeren Geschichte hatte einen großen Einfluss darauf, wie sie ihre Bilder mit unterschiedlichen inhaltlichen Perspektiven auflädt. "Ich wurde 1965 in Japan geboren. Die Geschichten, die mir meine Eltern über ihre Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs erzählt haben, glichen den Geschichten, die westliche Eltern derselben Generation weitergegeben haben. Als Kinder etwa wurden sie aus ihrer Heimatstadt evakuiert und kamen aufs Land. Als Heranwachsende", fügt Yoneda hinzu, "habe ich in Japan auch eine Ausstellung über Anne Frank gesehen. Ich war damals ungefähr so alt wie sie, als sie ihr Tagebuch schrieb. Diese Erkenntnis hatte große Auswirkungen auf mich und darauf, wie ich die jüngere Vergangenheit wahrnahm."

Yoneda hat in Chicago Fotografie studiert und schloss ihre Ausbildung 1991 am Royal College of Art in London ab. Die ersten Bilder, in denen sie die unterschiedlichen Ebenen von Geschichte und Erinnerung auslotete, machte sie 1996 in East London. In Topographical Analogy lichtete sie leere Wohnungen in Abrisshäusern ab. Der Fokus der Serie liegt auf Elementen wie alten Tapetenfetzen, die sich von der Wand lösen, oder Farbflecken, die von den langjährigen Ausdünstungen der Heizkörper verursacht wurden – abstrakte Spuren jener Menschen also, die diese Orte einmal bewohnt haben. "Als ich damit begann, diese Räume zu fotografieren, habe ich den Motiven immer noch andere Objekte hinzugefügt, einen in die Ecke geworfenen Teppich zum Beispiel oder gar eine Staffelei. Aber dann verstand ich plötzlich, dass dies gar nicht nötig war. Denn eigentlich wollte ich mit den Fotografien die Erinnerungen, die in diesen Wohnungen steckten, ergründen – die vielen Szenen eines Lebens, die dort einmal stattgefunden haben."

Yonedas jüngste Arbeit, der Zyklus The Parallel Lives of Others, befasst sich mit einem ganz spezifischen, historischen Moment. Richard Sorge, ein deutscher Kommunist, baute im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs einen in China, Japan und Deutschland agierenden Spionagering auf, der wichtige Informationen an die Sowjetunion weiterleitete. Yoneda besuchte jene Orte, an denen sich die Spione damals trafen: den Tokioter Zoo, den Hafen in Kobe oder den Heian-Schrein in Kyoto. Sie verwendete eine historische Brownie Box Kamera, die schnelle Schwarz-Weiß-Fotos macht. Brachte Between Visible and Invisible durch die Verwendung von Brillengläsern einen Effekt von Klarheit aufs Fotopapier, verleiht die unsaubere Linse der Brownie Box diesen Fotografien eine dunstige und unheimliche Ausstrahlung. Was wie eine ästhetische Kehrtwende wirkt, läuft letztlich aber wieder auf das zentrale Thema von Tomoko Yoneda hinaus: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit transponiert sie die Vergangenheit in die Gegenwart und die Gegenwart zurück in die Vergangenheit.

Tomoko Yoneda
An End Is a Beginning
Hara Museum of Contemporary Art, Tokyo
sponsored by Deutsche Bank
bis zum 30. November2008






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